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Christliche Spiritualität aus den Quellen des Karmel
von Pater Dr. Reinhard Körner OCD
Karmel Birkenwerder
Papst Honorius III. kam in Schwierigkeiten, als eine Abordnung von Mönchen aus dem Karmelgebirge vor
ihn hintrat und um die kirchliche Bestätigung ihrer Lebensordnung bat. Vor einigen Jahren erst, auf dem Vierten
Laterankonzil 1215, waren sich die Bischöfe einig geworden, daß man die Gründung neuer Orden nicht mehr gestatten
wollte; überall im christlichen Abendland waren geistliche Gemeinschaften nur so aus dem Boden geschossen, und
die Konzilsväter hatten mit ihrer Entscheidung denen rechtgegeben, die auf diese Weise „Herr der Lage“ zu werden
glaubten. Mehrfach schon hatte Honorius auf diesen Beschluß aufmerksam machen müssen. Und nun stand wieder eine
Gruppe vor ihm.Nur die Tatsache, daß die Bittsteller darauf verweisen konnten, schon vor dem Konzil nach ihrer von Bischof Albert aus
Jerusalem erhaltenen Ordensregel gelebt zu haben, ermöglichte es dem Papst, die Zustimmung zu erteilen. - Noch ein
Orden? Noch eine Spiritualität? Es gab diese Frage schon immer in der Kirche. Von einem gewissen Verwaltungsdenken
her gesehen, das den leitenden, planenden und Verantwortung tragenden „Hirten“ der Kirche zu Recht in gutem Maße
eigen sein muß, ist sie auch verständlich. Doch der Geist Gottes beantwortet sie auf seine Weise. Gerade die
Vielfalt der Spiritualitäten und Lebensformen macht in unserer Welt etwas präsent von der unausschöpfbaren Fülle
dessen, was ihr durch Jesus Christus geschenkt ist. In die bunte Palette der Orden und Spiritualitäten, in den
„Fächer der Stile“,wie Hans Urs von Balthasar sagt, fügt sich auch der Karmel ein.
Der Karmelitenorden, nach dessen Spiritualität heute weltweit etwa 60 eigenorganisierte Schwestern- und
Brüderorden sowie mehrere Gemeinschaften von Laienchristen leben, verdankt seinen Ursprung keiner berühmt gewordenen
Gründerpersönlichkeit; am Beginn seiner Geschichte steht nicht das Charisma eines Einzelnen, sondern die
Lebensgemeinschaft einer Gruppe. Es waren namenlos gebliebene Kreuzfahrer und Palästinapilger, die sich gegen
Ende des 12. Jahrhunderts im Karmelgebirge als Einsiedler niederließen und zu einer Eremitenkommunität
zusammenschlossen - in der Mehrheit wohl junge Leute, die es mitten in der lauten, waffenklirrenden Kirche ihrer
Zeit in die Stille zog und die das Kreuzfahrergepäck gegen die „Waffenrüstung Gottes“ (Eph 6,11)
eintauschen wollten.
In Elija, der nach alttestamentlicher Überlieferung fast zweitausend Jahre vor ihnen an denselben Ort
gekommen war, fanden die Karmeliten ein Leitbild, nach dem sie ihr Leben gestalten konnten. „Der Herr der Heerscharen
lebt, Israels Gott, und ich stehe vor seinem Angesicht“ (1 Kön 17,1), hatte der Prophet gesagt. Wie er wollten auch sie
mit Gott als einer lebendigen Wirklichkeit, als einem personalen Gegenüber leben. Gott sollte für sie - mit
heutigen Worten ausgedrückt - mehr sein als eine bloße Vokabel innerhalb der religiösen Weltanschauung und Glauben mehr
als Zugehörigkeit zur Kirche und Einhaltung ihrer Gebräuche.
Als der Bischof von Jerusalem zur Ordensregel zusammenfaßte, was er sie leben sah, formulierte er als
Kernsatz: „Jeder soll in seiner Zelle oder in deren Nähe bleiben, Tag und Nacht im Gesetze des Herrn betrachten
und im Gebete wachen.“ Es ging den „Karmeliten“, wie man die Mönche später nach ihrem Ursprungsort benannte, nicht
zuerst darum, Zeiten für das „geistliche Leben“ festzuschreiben, vielmehr lag ihnen daran, den Alltag selbst geistlich zu
leben. Frömmigkeit ist im Karmel von Anfang an eine Angelegenheit von vierundzwanzig Stunden. Ob während der
„geistlichen Übungen“ oder während der täglichen Arbeiten - es gilt, sich der Gegenwart Gottes bewußt zu werden
und mit dem auferstandenen, lebendigen Christus durch den Tag zu gehen, aktiv zu sein in der Kontemplation und
kontemplativ in den Aktionen.
Eine Marienkirche, deren Grundmauern die Eremiten vorfanden, war der äußere Anlaß, sich ausdrücklich an
Maria zu orientieren. An ihr konnten sie ablesen, wie man sich ganz der Wirklichkeit Gottes öffnen und in der
immerwährenden Verbundenheit mit ihm leben kann. Sie sahen in Maria ihre „Patrona“, die Erste in ihren Reihen;
sie nannten sie „Schwester“, sich selbst schon bald „Brüder unserer Lieben Frau vom Berge Karmel“, und erzählten
einander die Legende, Maria sei nach Pfingsten zum Karmelgebirge geeilt und in ihren Orden eingetreten. Wie Maria
und mit Maria in Gott das DU finden - das ist der Grundzug der karmelitanischen Spiritualtät.
Eine besondere Prägung hat diese Spiritualität durch Teresa von Avila (1515-1582) erfahren. Sie beobachtete an
Jesus, dessen Leben sie immer wieder meditierte, wie er sich Gott zuwendet, ihn „Abba
(lieber Vater)“ nennt, ehrfürchtig tiefen, vertrauten Umgang mit ihm pflegt und zugleich ganz dem jeweils
Nächsten zugewandt ist. - Der Jesus von damals ist für sie derselbe, „vor dessen Angesicht ich stehe“, er ist der
auferstandene Christus von heute. Auch mir ist er ein Freund - das war die große Entdeckung Teresas nach
fast zwanzig Klosterjahren! Gründlich und mit bestechender Ehrlichkeit hat sie in ihren Schriften den Weg
beschrieben, den sie von beengenden und angst machenden Gottesvorstellungen hin zur „Freundschaft mit Gott“
gegangen ist. In dieser Freundschaft versuchte sie fortan zu leben. An die Stelle ihrer Unzufriedenheit trat eine
innere Zweisamkeit. Sie bekam eine ganz neue Sicht vom Glauben,vom Beten, von der Eucharistie und den Sakramenten,
von der Kirche ... Geistliches Leben wird nun für sie „wie ein Umgang mit einem Freund, mit dem wir oft und gern
zusammenkommen, von dem wir wissen, daß er uns liebt.“
Auch für Teresa ist das Leben mit Gott nicht auf Gebetszeiten beschränkt. ,,Christus ist auch zwischen den
Kochtöpfen“, sagt sie. Es gibt keine Trennung von Kontemplation und Aktion. Geistliches Leben ist kein zeitlich
begrenzbares Tun, sondern eher eine Einstellung und eine Lebensform, eine neue Art und Weise zu denken, zu fühlen,
zu handeln und zu sein. Im Leben Jesu findet sie ihre Schule der Freundschaft mit Gott und den Menschen.
Johannes vom Kreuz (1542-1591)
hat der Spiritualität des Karmel die notwendige theologische Fundierung gegeben.
Er sieht das menschliche Leben als einen Entwicklungsprozeß, als eine „Angleichung an Christus“ und
„Umformung auf Gott hin“, als ein Reifen und Werden auf die Vollendung in der Ewigkeit hin. Glauben heißt für ihn,
sich bewußt auf diesen Reifungsprozeß einzulassen: eigene Wünsche und Pläne zurückstellen, Meinungen und
Überzeugungen anfragen lassen, Gewohnheiten ändern, Vorstellungen von Gott, vom Gebet, vom Glauben revidieren,
stets neu lernen und umlernen,offen bleiben für das, was dem Geist Gottes entspricht ... - Von besonderer
Bedeutung ist seine Lehre von der „dunklen Nacht“geworden. Die Erfahrung „ich kann nicht mehr beten“ oder
„in mir ist alles trocken und leer“ muß nicht Folge mangelhafter Frömmigkeit sein. Sie ist im Gegenteil oftmals
eine Gnadenwirkung Gottes: In seiner Lichtfülle wendet sich Gott dem Menschen zu, der aber bleibt geblendet im
Dunkeln. Auch und gerade die Nichterfahrung Gottes ist daher Gotteserfahrung, ist intensive „Läuterung", die aus
religiösen Fixierungen befreit und zur Liebe fähig macht.
Thérèse von Lisieux (1873-1897)
hat die Spiritualität des Karmel durch ihren „Kleinen Weg“ bereichert: Es kommt im
Leben mit Gott nicht darauf an, ohne Fehler zu sein; Gott erwartet weder Perfektionismus noch heroische Taten,
er will nichts anderes, als daß ich mich ihm zur Verfügung stelle, so wie ich heute gerade bin. In einer echten
Freundschaft zählt nicht die Leistung, sondern „allein die Liebe“.
Es kann nicht ausbleiben, daß eine solche Art, mit Gott zu leben, zu einer Erkenntnis führt, zu der die
Heiligen des Karmel auf je unterschiedliche Weise „durchgestoßen“ sind: Das göttliche DU, zu dem sie aufblickten,
offenbarte sich ihnen als ein „Ihr“, als Dreieinigkeit Gottes.
Elisabeth von Dijon (1880-1906),
die im Kloster den Namen „von der Dreifaltigkeit“ trägt, hat in
ihren Tagebüchern und in einer sehr umfangreichen Korrespondenz wohl am ausdrücklichsten davon gesprochen, daß
Gott „Gemeinschaft“ist
und geistliches Leben zur Teilnahme am „Fest der Drei“ werden kann. Eine solche Entdeckung hat ihre Auswirkungen:
Die Mitschwestern im Kloster und die Menschen in der „Welt“ rückten ihr von einem neuen Ansatz her in den Blick ...
Noch viele andere wären zu nennen, die durch ihr Lebensbeispiel und ihre Lehre den
karmelitanischen Weg der Christusnachfolge mitgeprägt und anziehend gemacht haben.
Unserem Jahrhundert
wurde Edith Stein (1891-1942) geschenkt, die als Jüdin und Philosophin den Weg vom Atheismus zum
Zentrum des christlichen Glaubens ging. An ihr wird auf besondere Art deutlich, daß die Großen des Karmel und ihre
Spiritualität nicht allein dem Karmelitenorden, sondern allen Suchenden gehören.
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